Stadtmuseum Sankt Pölten

Grabung Domplatz Juli 2010

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Ein Fenster in die Vergangenheit ist am Domplatz geöffnet

Erste archäologische Überraschung am Domplatz

In der letzten Juliwoche wurden die Vorbereitungsarbeiten für die archäologischen Grabungen abgeschlossen. Nach dem maschinellen Abtrag der Platzoberfläche traten bereits unmittelbar unter dem Asphalt die ersten historisch relevanten Schichten zu Tage, sodass ab 2. August mit der archäologischen Feinarbeit begonnen werden konnte.

Nach nur neun Tagen kann Grabungsleiter Dr. Ronald Risy den ersten erstaunlichen Fund vermelden: „Schon bei den ersten Grabungen kamen mehrere Mauerzüge zu Tage, die als Bestandteil des hoch- bzw. spätmittelalterlichen Klosters interpretiert werden können. Das ist deshalb überraschend, weil diese Mauern im Georadarbild nicht abgezeichnet sind. Es war bisher nicht bekannt, dass das Kloster, das der Sage nach in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts von Adalbert und Ottokar gegründet worden ist, in seiner Ausdehnung im 13. bis 16. Jahrhundert bis in den Domplatz hinein gereicht hat. Mit diesem Befund wird die älteste Ansicht der Klosterkirchen St. Pölten in einer Randzeichnung einer Handschrift aus dem 15. Jahrhundert bestätigt. Zur Funktion der einzelnen Räumlichkeiten kann zu diesem Zeitpunkt noch keine Aussage getroffen werden, doch lassen sich bereits oberflächlich zumindest zwei Bauphasen feststellen."

 „Wie vermutet, sind bereits unmittelbar unter der Asphaltoberfläche auch zahlreiche Bestattungen erkennbar. Die aus heutiger Sicht sehr seichte Lage der Gräber ist auf eine mehrfache Absenkung des Platzniveaus im 19. Jahrhundert zurückzuführen", so Risy weiter.

 
Archäologische Detailarbeit

Jeder Eingriff des Menschen hinterlässt Spuren im Boden, die anhand der verschiedenen Bodenfärbungen erkennbar sind und dadurch von den Archäologen nachvollzogen werden können. Somit kann die Geschichte des Grabungsplatzes rückwirkend beginnend mit den jüngsten „Störungen" im Boden (z. B. Leitungsverlegungen) bis hin zu den ältesten Spuren aufgerollt werden. Jeder dieser Vorgänge wird dokumentiert (vermessen, fotografiert und beschrieben). Wichtig ist, das im Boden verborgene Fundmaterial exakt den einzelnen Schichten zuzuordnen, da nur dadurch ein absolut chronologisches Gerüst erstellt werden kann.

Die einzelnen Bestattungen sowie Baubefunde werden fotogrammetrisch aufgenommen, die Bilder noch vor Ort entzerrt, in den Gesamtplan eingehängt und die Befunde digitalisiert.

Das Team umfasst derzeit 15 Personen, das sich aus Arbeitern, Studenten/Innen der Archäologie, Vermessungsspezialisten und akademischen Fachkräften zusammensetzt.

 

Archäologische Grabungen unerlässlich

„Im Masterplan ist die Neugestaltung des Domplatzes ein erklärtes Ziel", verweist Bürgermeister Mag. Matthias Stadler auf die künftige Stadtentwicklung. „Wer sich den Domplatz mit seiner derzeitigen Oberfläche genau anschaut, wird auch nicht bestreiten können, dass etwas getan werden muss. Eine Neugestaltung setzt aber voraus, den Unterbau zu erneuern und alle Einbauten gleich mit dazu. Da dadurch historische Schichten zerstört und abgetragen werden müssen, kommt automatisch das Denkmalschutzgesetz zur Anwendung. Somit ist die archäologische Bearbeitung die rechtlich zwingende Voraussetzung für eine Neugestaltung des Domplatzes."

Das Bundesdenkmalamt, Abteilung Bodendenkmale, hat gemäß den gesetzlichen Bestimmungen an den Grabungsleiter Dr. Ronald Risy eine Grabungsgenehmigung erteilt und darin vorgegeben, dass etwaige gefundene Mauerreste erhalten bleiben müssen und nicht entfernt werden dürfen, menschliche Überreste dürfen hingegen entnommen werden.

 

Friedhof wird aufgelassen

Der St. Pöltner Domplatz wurde über 750 Jahre als Friedhof der Stadt genützt. Aus diesem Grund rechnen die Wissenschaftler mit 20.000 bis 30.000 Bestatteten in diesem Bereich.

Nicht nur aus Gründen des Bodendenkmalschutzes sondern auch aus Gründen der Pietät sollen nun die sterblichen Überreste nach eingehender archäologischer und anthropologischer Begutachtung entnommen werden.

Es ist weltweit wohl einzigartig, dass ein historischer Friedhof in dieser Dimension wissenschaftlich begleitet aufgelassen wird. Dabei wird jeder Fund dokumentiert und die Skeletteile jedes Individuums - sofern irgendwie möglich - zusammengelegt. Nach der Begutachtung am Fundort erfolgen noch weitere Untersuchungen und die Entnahme von Proben für spätere Auswertungen durch das gerichtsmedizinische Institut Wien. Eine Personalisierung der Toten wird, abgesehen von ganz wenigen Einzelfällen, nicht möglich sein.

Nach Abschluss dieser Arbeiten werden die Gebeine in einem Sammelgrab am städtischen Friedhof wiederbestattet und damit die Totenruhe wieder hergestellt.

Archäologie für jedermann: Führungen

Bis auf weiteres werden Führungen bei den Grabungen kostenlos angeboten, damit die Bevölkerung die Archäologie als Sichtfenster in die Vergangenheit nutzen kann.

Die Führungen finden jeden Freitag um 13 Uhr statt.

Anmeldung im Stadtmuseum, außerhalb des angegebenen Termins nur gegen Gebühr (2,- € pro Person)

 

 

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