Stadtmuseum Sankt Pölten

- Oktober 2010

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Ausgrabungen Domplatz Pressekonferenz 1 .jpgAusgrabungen Domplatz Pressekonferenz 2.jpgAusgrabungen Domplatz Pressekonferenz 3.jpg

Anfang August wurde mit den archäologischen Grabungen am St. Pöltner Domplatz begonnen. Die genaue archäologische Begutachtung und die Konservierung der Bodenfunde ist die gesetzlich zwingend vorgeschriebene Voraussetzung für die Neugestaltung des Domplatzes. Erst wenn diese Arbeiten abgeschlossen sind kann daran gegangen werden, die Oberfläche des Domplatzes und die Einbauten zu erneuern.
„Wir rechnen für die Ausgrabungen ca. zwei Jahre ein. Wie viel Zeit dies tatsächlich in Anspruch nimmt, hängt von den Funden ab. Während der archäologischen Grabungen läuft jedoch die Planung für die Neugestaltung des Domplatzes. Nach dem ersten Schritt der Bürgerbefragung folgt nun der zweite: Die Suche nach einem Planer. Das Verfahren ist bereits gestartet. Ich will beim Domplatz keine unüberlegte Schnelllösung, sondern die beste Lösung, die für die Stadt finanziell möglich ist. Dafür ist eine optimale Planung die Voraussetzung," erklärt Bürgermeister Mag. Matthias Stadler. 

Grabungen bringen zahlreiche Erkenntnisse
Wie bereits berichtet, kamen in der Osthälfte der Grabungsfläche Reste des spätmittelalterlichen Klosters zu tage. Inzwischen lassen sich Aussagen zur Funktion von Teilbereichen dieses Traktes treffen. An den im Süden liegenden großen Saal schlossen offene Höfe an, wie aus der unterschiedlichen Fundamenttiefe der Mauern geschlossen werden darf. Diese Interpretation bestätigt die Entdeckung einer Latrine. Diese besteht aus einem ca. 1,70 x 1,50 m großen gemauerten Schacht, der bisher auf 4 m Tiefe ausgehoben wurde. Obwohl man in wahrstem Sinne des Wortes „im Dreck anderer wühlt", stellen derartige Befunde eine Fundgrube für Archäologen dar. In der Verfüllung finden sich normalerweise Speisereste aller Art, zudem hat man Latrinen und Sickergruben auch für die Entsorgung von diversem Müll verwendet, sodass viele tolle Einzelfunde daraus stammen. Um aber die darin enthaltenen Artefakte, deren Größe sich oft im Millimeterbereich bewegt, zu bergen, ist es notwendig das Aushubmaterial zu flotieren, wodurch auch noch die kleinsten Artefakte geborgen werden können und sich dadurch ein lebendiges Bild von den Essgewohnheiten im Kloster zeichnen lässt: So wurden am Domplatz z. B. Unterkieferfragmente von Hechten geborgen. Mit Sicherheit als Highlight ist eine ebenfalls aus der Latrine geborgene Figur aus Ton zu bezeichnen, die eine dämonenhafte Gestalt wiedergibt. Solche Darstellungen waren im Mittelalter sehr beliebt.
Ein weiteres wichtiges Ergebnis bezieht sich auf die Nachnutzung des ehemaligen Klosterbereiches. Nach Abriss der Mauern wurde hier im 17. oder 18. Jahrhundert im Zuge des barocken Neubaus des Klosters der Baustellenbetrieb eingerichtet. Erkenntlich an Pfostenstellungen, die auf Baugerüste hindeuten oder diversen Wannen, die der Verarbeitung von Kalk dienten.

Anthropologische Erkenntnisse
In den bisher freigelegten Gräbern konnten im Rahmen der begleitenden, kontinuierlichen anthropologischen Bearbeitung insgesamt 185 Individuen identifiziert werden.
Bei den derzeit untersuchten 103 Erwachsenen handelt es sich um 40 Frauen und 62 Männer (1 Individuum war nicht bestimmbar). Die Frauen wiesen eine durchschnittliche Körperhöhe von 158 cm auf und die Männer waren im Durchschnitt um etwa 12cm größer. Das durchschnittliche Sterbealter der Erwachsenen lag für Männer bei ca. 35 Jahren und Frauen bei ca. 30 Jahren. Der Unterschied von 5 Jahren im tatsächlichen Sterbealter zwischen St. Pöltner Frauen und Männer belegt das zusätzliche Sterberisiko, welchem Frauen durch Geburt und Schwangerschaft ohne moderne medizinische Versorgung ausgesetzt waren.

Einige pathologische bzw. traumatische Veränderungen, welche den ehemaligen Bürgern sicherlich zugesetzt haben, konnten bereits identifiziert werden, etwa:
Knochenbrüche an den Unterarmen, einerseits durch Stürze (Unfälle) bei welchen meist Elle (Ulna) und Speiche (Radius) betroffen sind und sogenannte Abwehrfrakturen (Parierfraktur), bei welcher üblicherweise nur die Elle betroffen ist.
Schädeltrauma
durch spitze Gewalt zum Teil länger zurückliegend und nur mit unwahrscheinlichem Glück überlebt. Hüftgelenksfehlstellungen (Dysplasie) hat sicherlich immer wieder zu schmerzhaften Hüftluxationen geführt.
Degenerative
, äußerst schmerzhafte Veränderungen im Knie- und Hüftgelenkgelenk (Arthrosen).
Beinhautentzündung (Periostitis) eines Neugeborenen, welche etwa durch bakterielle Infektionen (z.B. Streptokokken) hervorgerufen wird.
Syphilis, manifestiert durch beidseitige massive Veränderungen der Knochenstruktur an den unteren Extremitäten mit nur geringen raumgreifenden eitrigen Geschehen, grenzt sich hierdurch differentialdiagnostisch von einer Knochenmarksentzündung (Osteomyelitis) ab.

Skelette von Kindern, vor allem von ungeborenen Feten, Neugeborenen und Säuglingen sind oft unseren Untersuchungen entzogen, da ihre Knochen dermaßen dünnwandig und zart sind, dass sie normalerweise schon in nur leicht säuerlichem Boden rasch vergehen. In St. Pölten sind die Umstände einmal besonders günstig, da es aufgrund der Bodenbeschaffenheit rund um den Dom und der ausgezeichneten, schonenden archäologischen Ausgrabung gelang, bis dato 82 Kinderskelette zu bergen. Von den insgesamt 17 Frühchen verstarb das jüngste bereits im 6. Schwangerschaftsmonat, der überwiegende Teil bei der Geburt selbst, wohl in der Folge nicht beherrschbarer Komplikationen. Insgesamt erlebten 55 Kinder das Alter von vier Jahren nicht, wohl Ausdruck eines mangelnden Hygieneverständnisses und fehlender medizinischer Möglichkeiten.

 

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